Spielen die USA die aserbaidshanische Karte?

Minderheit in Iran zwischen Wiedervereinigungstreben und Loyalität gegenüber Teheran 

         

Von Vougar Aslanov 



Nach dem 11. September 2001 rückten der Südkaukasus und die kaspische Region in ein neues Licht: Die dortigen Staaten dienen nicht mehr nur als Rohstofflieferanten, sondern haben auch geopolitische Bedeutung erlangt. Grund für das wachsende Interesse an der Region des Südkaukasus und des Kaspischen Meeres ist ihre Nähe zu Staaten wie Irak und Afghanistan, wo die USA einen permanenten Krieg gegen den Terrorismus führen, und zu Iran, das bei Washington schon lange in Ungnade gefallen ist und als potenzielles Kriegsziel gelten kann.


Im Falle eines Falles könnten die USA versucht sein, die ethnischen Minderheiten in Iran für ihre Ziele einzuspannen. Mehr noch als für die Kurden gilt dies für die Aser- baidshaner in zwei iranischen Provinzen, die als Ostaserbaidshan (mit dem Hauptort Tabriz) und Westaserbaidshan (mit dem Hauptort Urmia) bezeichnet werden. Die Aserbaidshaner in diesen Provinzen sind in Sprache, Geschichte und Kultur mit der Mehrheitsbevölkerung der benachbarten transkaukasischen Republik Aserbaidshan seit Jahrhunderten verbunden. Erst Im 19. Jahrhundert hatten Russland und Iran die historischen aserbaidshanischen Provinzen unter sich aufgeteilt.

Nationalisten in der Republik Aserbaidshan und Aseri-Separatisten in Iran träumen heute wieder von »Großaserbaidshan«. Fraglich ist, ob dieser Traum jemals Wirklich- keit wird, auf jeden Fall könnten die USA sich den erklärten Wunsch des aserbai- dshanischen Volkes auf Wiedervereinigung im Kampf gegen Iran zu Nutze machen.

Seit Jahren existiert in Iran eine bedeutende aserbaidshanische oppositionelle Bewegung mit zwei Richtungen: Während die »Nationale Erneuerungsbewegung Südaserbaidshan« eng mit den nationaldemokratischen Parteien in der Republik Aserbaidshan verbunden ist, steht die »National-Liberale Befreiungsbewegung Südaserbaidshan« für eine proamerikanische Orientierung.

Im Oktober traf sich der Verteidigungsminister der Republik Aserbaidshan wieder einmal mit seinem USA-Kollegen Donald Rumsfeld. Die USA zeigen sich in jüngster Vergangenheit auffällig interessiert daran, die aserbaidshanische Armee, insbeson- dere die Seestreitkräfte, zu modernisieren. Außerdem wollen die USA militärische Stützpunkte im Lande ausbauen. So werden Militärflughäfen in Aserbaidshan moder- nisiert, damit darauf US-amerikanische Flugzeuge landen können. Besonders interes- sant sind Landeplätze, die am Kaspischen Meer liegen und für Luftangriffe gegen Iran dienen könnten. Geplant ist die Verlegung von 15000 USA-Soldaten aus Deutschland, die im Südkaukasus als »mobile Eingreiftruppen« eingesetzt werden können. Für Bodenoperationen gegen Iran könnten zwar auch die Territorien Armeniens, Syriens, Iraks, Afghanistans genutzt werden, viele Militärexperten halten Aserbaidshan aber für das bessere Aufmarschgebiet.

In Iran halten die meisten Politiker eine solche Entwicklung indes für unwahrschein- lich und glauben an die Loyalität ihrer aserbaidshanischstämmigen Landsleute. Viele der heutigen Minister und der regierenden Elite Irans gehören der Minderheit an. Das hinderte Iran jedoch nicht daran, sich im armenischaserbaidshanischen Konflikt um die Provinz Berg-Karabach auf die Seite Armeniens zu stellen.

Das Beispiel zeigt die Vielfalt der Interessenkonflikte auch über ethnische Verwandt- schaften hinweg. So können sich die USA der Unterstützung durch die aserbaidsha- nische Minderheit Irans durchaus nicht sicher sein. Ob es vor dem Hintergrund des schwierigen Irak-Konflikts zu einer zusätzlichen militärischen Auseinandersetzung zwischen USA und Iran kommt, erscheint daher sehr fraglich. 

 

" Neues Deutschland" : 7.12.2004