Im eigenen Interesse

Referendum in Armenien

VON  VOUGAR ASLANOV



Alle geplanten Verfassungsänderungen in Armenien zielen darauf, die Macht des Präsidenten zu begrenzen.

       

Inhaber sowjetischer Pässe sollen nicht abstimmen. An diesem 27. November, wenn es in Armenien um ein Referendum zur Änderung der Verfassung geht. Die zentrale Wahlkommission des Landes schloss die Inhaber sowjetischer Identitätspapiere von der Wahl aus. Nach Meinung der armenischen Opposition sind davon 300 000 potenzielle Wähler betroffen, die es nicht mehr schaffen dürften, noch einen armenischen Pass zu beantragen.

Alle geplanten Verfassungsänderungen zielen darauf, die Macht des Präsidenten zu begrenzen. In Zukunft soll das Parlament den Ministerpräsident der Republik mitbestimmen. Der Präsident bestimmt auch nicht mehr den Oberbürgermeister der Hauptstadt Eriwans, der dann gewählt werden muss. Zu den Aufgaben des Parlaments sollen nach der Verfassungsänderung auch die Bestimmung eines Ombudsmanns für Menschenrechte und die Auswahl der Mitglieder der Rundfunkkommission gehören. Gleichzeitig soll der Präsident des Landes künftig nicht mehr automatisch an der Spitze des Justizrats sitzen.

Noch im vergangenen Sommer sah es so aus, als wollten die oppositionellen Kräfte doch die angestrebten Reformbemühungen der Regierung unterstützen. Ursache der früheren Auseinandersetzungen war die umstrittene Wiederwahl des Präsidenten Robert Kotscharians im Frühjahr 2003. Die Opposition kritisiert dessen Regierungsarbeit vor allem wegen seines vordergründigen Interesses am eigenen Machterhalt. Seit dem 27. August boykottiert die Opposition wieder das Parlament. Und Stephan Demirtschijan, Chef der oppositionellen Partei "Gerechtigkeit", plädiert für ein "Nein" beim Referendum. Andere riefen dazu auf, das Votum "in eine unblutige Revolution" zu verwandeln.

Heute regiert in Armenien eine Koalition aus drei Parteien: Die bekannte Partei "Daschnakzutjun", die Republikanische Partei Armeniens und die Partei "Rechtsstaat". Obwohl alle diese Gruppierungen Ende der achtziger Jahre noch als demokratische Kräfte galten, wandelten sich viele zu nationalistischen Parteien. Kotscharian, ehemaliger Führer Berg-Karabachs und Kommunist, ist bei der Bevölkerung heute weniger populär. Der Sieg im Krieg gegen Aserbaidschan um die Enklave Berg-Karabach hat für Armenien auch viele wirtschaftliche Nachteile mit sich gebracht. Die Blockadepolitik seitens Aserbaidschans und der Türkei hat diese Kaukasusrepublik isoliert und an der Beteiligung großer Energieprojekte der Region (Pipelines) ausgeschlossen. Kotscharian etablierte entgegen den Erwartungen in Armenien ein ausgeprägt autoritäres Regime, das überaus korruptionsanfällig ist.

Die Regierung ist mit dem Referendum einer Forderung des Europarats nachgekommen. Ziel ist eine Verbesserung und Entwicklung der Beziehungen zu Europa. Ein revolutionärer Machtwechsel soll damit auch vermieden werden. Deswegen ist eine Zustimmung zum Referendum für die heutige Regierungsmacht von überaus großer Bedeutung.

Die Angelegenheit mit den Sowjetpässen wertet die Opposition als Manöver der Regierung, um mit weniger Wählern das eigene Ziel leichter zu erreichen. Die Opposition versucht ihrerseits mit allen Möglichkeiten das Referendum weiterhin zu verhindern: Sie erwägt mittlerweile, während der Abstimmung die Bevölkerung auf den Straßen zu mobilisieren. 

 

"Frankfurter Rundschau", 4. November 2005