Panturkische Bewegung der neuen Zeit

 

Dschalal Mamadow, Vougar Aslanow

 

Bereits zu Perestroikazeiten und vor allem nach dem Zerfall der UdSSR erwachte das nationale Bewußtsein bei vielen Turkvölkern des Sowjetreiches. Die Türkei versuchte, Einfluß auf Aserbaidschan und die zentralasiatischen Republiken sowie die turksprachigen Teilrepubliken Rußlands zu nehmen, mit unterschiedlichem Erfolg. Insgesamt setzten sich panturkische Ideen in den Republiken und Teilrepubliken aber nicht durch. Wir setzen mit diesem Beitrag den Artikel aus Wostok 2/2003 fort

 

Nachdem der türkische General und Politiker Enver Pascha, der die verlorenen oder von anderen Mächten einverleibten Gebiete auf dem Balkan, in Afrika und Asien zurückerobern und den Kaukasus und Zentralasien an das Osmanische Reich anschließen wollte, im Jahre 1922 in einem Scharmützel mit den Bolschewiken ums Leben gekommen war, lag die panturkische Bewegung auf dem Territorium des früheren Russischen Reiches am Boden.

 

Das Thema Panturkismus war ebenso wie andere Formen des Nationalismus in der Herrschaftszeit Stalins verboten. Erst nach dessen Tod änderte sich die Situation. Unter Nikita Chruschtschow, als die Sowjetmacht ihre Druckhebel relativ moderat einsetzte, waren wachsende nationalistische Stimmungen innerhalb der russischen Intelligenz zu beobachten. Die Ideologie der Sowjetmacht zielte darauf ab, die Menschen zu Internationalisten zu erziehen und dem Nationalismus entgegenzuwirken. Trotzdem hatte das russische Volk in der sowjetischen Völkergemeinschaft eine Sonderstellung. Denn die sowjetische Ideologie erklärte es zum "größten und mächtigsten Volk" der Welt dem die kommunistische Revolution, dieser langjährige und wichtige Traum der ganzen Menschheit, zu verdanken war. In der Zeit des Tauwetters wurde sogar noch mehr über die Größe der russischen Kultur und Geschichte, über die wertvollen nationalen Eigenschaften und die besondere Mission des russischen Volkes gesprochen. Über die anderen Völker, und insbesondere die turk-tatarischen Völker, hingegen wurde nach wie vor vieles verschwiegen. Dies wurde von der Intelligenz in den Sowjetrepubliken, die ihre Aktivitäten in den 70er Jahren merklich entfaltete, aufmerksam zur Kenntnis genommen.

 

Olschas Suleimenow, ein kasachischer Dichter, Gelehr­ter und Publizist, widmete sich in seinem 1975 veröffentlichten Buch "Az und Ich" (Az ist der erste Buchstabe des alt­slawischen Alphabets) den Turkvölkern, wobei er das vorsätzliche Verschweigen der Ge­schichte und Kultur der Turkvölker und ihrer Rolle in der Geschichte Eurasiens stark kri­tisierte. Er kämpfte dafür, daß man das älteste ostslawische Literaturdenkmal "Slowo o polku Igorewje" ("Das Lied über die Heerfahrt Igors" oder einfach "Das Igorlied") den Turkvölkern zuerkannte. Er verwies darauf, daß die Alte Rus ihre politischen Werte von den Turkvölkern übernommen hatte. Auch heute noch erinnern sich viele Bürger der ehemaligen Sowjetunion an seine harschen Auseinandersetzungen. und scharfen Diskussionen mit Akademiemitglied Dmitri Lichatschow, dem bekannten Experten für altrussische Literatur und leidenschaftlichen Ver­teidiger der kulturhistorischen Werte des russischen Volkes. Die Intelligenz in den Sowjet­republiken bewertete Lichatschow des öfteren als Nationalisten, doch viele Gelehrte und Schriftsteller standen bei diesem Streit auch auf der Seite Suleimenows. Wer von ihnen nun Recht hat, steht heute noch zur Diskussion, damals gelang es Lichatschow jedenfalls nicht, den unermüdlichen kasachischen Schriftsteller und Gelehrten "zu Boden zu wer­fen". Das kühne Auftreten Suleimenows kann als Auftakt für den Widerstand der natio­nalen Minderheiten der ehe­maligen Sowjetunion gegen den russischen Nationalismus betrachtet werden, der seit den 60er Jahren einen neuen Aufschwung erlebte.

 

Ein anderer zentralasiati­scher Schriftsteller, der Kirgise Tschingis Aitmatow, der früher als echter sowjetischer Schrift­steller gesehen wurde, rückte die nationalen Probleme sei­nes Volkes immer mehr in den Mittelpunkt seiner Werke. Im Roman "I dolsche weka dlitsja den" („Ein Tag länger als ein Leben", 1980) beleuchtet er das Problem der nichtrussischen, besonders der turksprachigen Völker der sowjetischen Groß­macht. In den 70er und 80er Jahren wurde die Politik der Russifizierung verstärkt. Ait­matows Held verläßt seine Heimatsiedlung und wird ebenfalls russifiziert. Die Traditionen, Sitten und Bräuche seines Volkes werden ihm fremd, er selbst wird ein anderer Mensch. So jedenfalls sehen ihn seine Landsleute, als er zur Bestattung seines Vaters für kurze Zeit das Dorf besucht. Aitmatow unterbricht hier den Hand­lungsstrang seines Romans und erzählt eine alte Legende von einem Volk, das seinen bei Plünderungs- und Raubzügen genommenen Gefangenen das Gedächtnis nahm. Den Gefan­genen wurden die Köpfe kahl geschoren, darüber zog man ihnen den Magen eines frisch geschlachteten Schafes. Unter der heißen Wüstensonne trock­nete der Magen, zog sich zusammen und preßte den Schädel deformierend zusammen, was den Menschen so unend­liche Schmerzen bereitete, daß sie ihr Gedächtnis verloren. Da sie in dieser Zeit großen Durst hatten, gab ihnen ihr "Herr" zu trinken, so wurden sie gleichsam zu willenlosen Instrumenten ihres Herrn. Solche Menschen nannte man Mankurten. Ob Aitmatow tatsächlich die verstärkte Russifizierung ge­meint hat als er diese Legende bemühte, ist nicht eindeutig, aber gerade so wurde es von fast allen nichtrussischen Völkern der ehemaligen Sowjet­union gelesen. Das Buch wurde zu einem weiteren Impuls für nationalistische Stimmun­gen an der Peripherie.

 

Auf einen dritten zentral­asiatischen Schriftsteller, der für die Idee der Anerkennung und des wirtschaftlich-kulturellen Aufschwunges der moslemischen Turkvölker kämpfte, sei verwiesen. Es ist der Usbeke Mamedali Machmudow, der seine Tätigkeit auf diesem Gebiet in den 80er Jahren entfaltete.

 

Die Tätigkeit dieser großen Schriftsteller strahlte auf andere Turkvölker, insbesondere auf die Aserbaidschaner und Tataren, aus. Auch bei diesen Völkern war zu jener Zeit das nationale Bewußtsein bereits erwacht.

 

In den 70er Jahren trat in Aserbaidschan der Dissident Abulfas Alijew hervor, der sich später Eltschibej nennen ließ. Er selbst kommt aus der aserbaidschanischen Autonomen Republik Nachitschewan, seine Vorfahren aber stammen aus einer südaserbaidschanischen Provinz im Iran. Nachdem er die Fakultät für Orientalistik im Fach Arabische Philologie abgeschlossen hatte, arbeitete er einige Jahre als Dolmetscher in Ägypten. Nach seiner Rückkehr nach Baku lehrte er Geschichte der Länder des Nahen Ostens an der Historischen Fakultät der Staatlichen Universität. Oft erzähl­te er den Studierenden über die historische Nähe der russifizierten Turkvölker, die einander nicht als "Verwandte" er­kennen können, und über die Rolle der islamischen Kultur, die nicht anerkannt werde. Er dozierte über Südaserbaidschan und die dort lebenden blutsverwandten Brüder, deren Zahl sich in Millionen mißt und die der historischen Aufteilung Aserbaidschans zwischen Rußland und dem Iran zum Opfer gefallen waren. Derlei Gespräche setzte er mit interessierten Studierenden auch nach dem Unterricht fort, dabei wurden antisowjetische Losungen laut. Abulfas Alijew wurde von den Sonderdiensten festgenommen und 1974 für antisowjetische Propaganda zu drei Jahren Haft verurteilt, nach der Hälfte der Zeit aber wieder freigelassen. Wie es heißt, soll Geidar Alijew, der langjährige und Ende 2003 verstorbene Präsident der Republik Aserbaidschan, sich dafür eingesetzt haben. Damals war Geidar Alijew Erster Sekretär der Kommunistischen Partei der Aserbaidschanischen SSR. Ihm lag daran, Abulfas Alijew für sich zu gewinnen und ihm die Lust aufs Dissidententum zu nehmen. Nach der Haft wurde Abulfas Alijew in der Tat ruhiger, arbeitete am Institut für Manuskripte der Akademie der Wissenschaften der Aserbaidschanischen SSR und erlaubte sich nur ab und an informelle Treffen mit Jugendlichen.

 

In den 80er Jahren ver­stärkten sich die nationalisti­schen Stimmungen sowohl in Rußland als auch in den Sowjetrepubliken. In Zentralasi­en und dem Kaukasus spricht man nun über die eigenen na­tionalen Werte. Mit der Pere­stroika erhielten die nationa­len Kräfte in den Republiken die Möglichkeit, ihre Treffen offen durchzuführen. Öffent­lich wurden die Probleme der jeweiligen Nation diskutiert und die nationalistische Poli­tik Moskaus heftiger Kritik un­terzogen. Als Dinmuchamad Kunajew im Dezember 1986 als Erster Sekretär der Kom­munistischen Partei der Kasa­chischen SSR abgesetzt wurde und Gorbatschow für diesen Posten den ethnischen Russen Konflikte, die Niederschlagung der antisowjetischen Proteste und die Reaktion darauf in der internationalen Gemeinschaft zeigten, wie allein die moslemischen Turkvölker der UdSSR standen und wie sowohl Rußland als auch die zivilisierte Welt zwischen ihnen und den historisch christlichen Völkern der UdSSR differenzierten und "doppelte Standards" anlegten. Dieses Verstehen verschärfte die Stimmung bei den moslemischen Turkvölkern, hat sie aber auch in dem Wissen einander näher gebracht, daß sie einander helfen und ihre eigenen Positionen sowohl in kultureller als auch in wirtschaftlich-politischer Beziehung abstimmen müssen. Ihre Intelligenz rief die Bevölkerung auf, sich weniger auf Rußland als langjährigen historischen Verbündeten zu verlassen. Zu dieser Zeit rückte die Türkei für diese Republiken immer stärker ins Blickfeld. Diese schien ein wirtschaftlich und kulturell entwickeltes Land zu sein, man hoffte, in Zusammenarbeit mit ihr die eigene Wirt­schaft und Kultur entwickeln und zugleich die politischen Probleme erfolgreich lösen zu können. Vor allem in Aserbaidschan nahm man die Türkei als Erlöser von der russischen "Sklaverei" wie auch der armenischen Aggression wahr. Es wurden Versuche unternommen, engere wirtschaftliche und kulturelle Beziehungen zu den zentralasiatischen Republiken zu knüpfen, die aber zunächst erfolglos blieben.

 

In Zentralasien wuchs die Spannung. Der Russe Kolbin blieb Erster Sekretär der KP Kasachstans. Gorbatschow ordnete eine breitangelegte Un­tersuchung der Tätigkeit des verstorbenen Führers der KP Usbekistans Scharaf Raschidow an, seine Verwandten wurden verfolgt. Zu dieser Zeit kam es zu Zusammenstößen im Ferganatal, wo die einheimische Bevölkerung mit blutiger Gewalt gegen die eingewanderten turkischen Mescheder vorging. Zudem spitzten sich die kirgisisch-usbekischen Grenzstreitigkeiten zu. Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens. Kolbin ernannte, löste dieser Wechsel massive Proteste in Kasachstan aus. Für den Zu­sammenstoß zwischen dem kasachischen Volk und den Be­hörden machte man vor allem Olschas Suleimenow verantwortlich, der sich zu jener Zeit großer Autorität nicht nur in Kasachstan, sondern auch in anderen Sowjetrepubliken sowie zum Teil auch in Rußland erfreute. Diesen Ereignissen in Kasachstan folgten zwischen­ethnische Konflikte sowohl in­nerhalb einzelner Sowjetrepubliken als auch zwischen diesen. Immer öfter gab es Proteste gegen die Sowjetmacht. Gerade die zwischenethnischen und ein Teil der nationalen Intelligenz in allen diesen Republiken beschuldigten Moskau, seine Hand bei diesen Ereignissen im Spiel zu haben, die Rufe nach Unabhängigkeit erklangen immer öfter. Die russische Öffentlichkeit andererseits wurde entweder wenig oder überhaupt nicht über die Geschehnisse in Zentralasien und im Kaukasus informiert.

 

1989 kam mit der Volksfront eine neue nationaldemokratische Bewegung in Aserbaidschan auf, angeführt wurde sie von Eltschibej. In Usbekistan nahm die demokrati­sche Partei "Erk" unter Führung des Dichters Muchamad Salik Gestalt an. Beide Bewegungen zielten auf den natio­nalen Wiederaufbau und den Kampf gegen die Unterdrückung der moslemischen Turkvölker in der UdSSR.

 

Mit der Schwächung des Zentrums und dem Zerfall der Sowjetunion sowie mit der Entstehung der unabhängigen turksprachigen Staaten mach­te sich die Türkei daran, ihren politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Einfluß in dieser Region auszubauen. In die­se Zeit fällt die Aktivierung der panturkischen Kräfte in der Türkei. Im Frühjahr 1991 wurden in Kasan, der Hauptstadt Tatarstans, die "Versammlung der Turkvölker" gegründet und der erste Kongreß einberufen. Dies schätzten die Anhänger des Panturkismus als "wichtige Etappe, als Wende in der Geschichte des Panturkismus" ein. Nun intensivierte sich die Zusammenarbeit zwischen der radikalen rechten Partei der Türkei "Partei der Nationalistischen Bewegung" (bekannt als "Graue Wölfe"), der tatarischen Partei "Ittifag" ("Bund") und der nationalistischen Partei der Krimtataren "Gerechtigkeit". Die 1980 in Istanbul unter Führung Turan Jasgans gegründete "Organisation zur Erforschung der turkischen Welt" (TDAV) führt in den letzten Jahren auf den von Turkvölkern der ehemaligen So­wjetunion besiedelten Gebieten politische und wissenschaftliche Studien durch.

 

Die TDAV ist vor allem in drei turksprachigen Republiken der Russischen Föderation aktiv: in Baschkortostan, Tatarstan und Tschuwaschien. 1992 wurde beim türkischen Außenministerium die Türkische Agentur für Zusammenarbeit und Entwicklung (TIKA) geschaffen. Gleichzeitig radikalisierte sich die nationale Intelligenz der turksprachigen Völker. In Dagestan äußerte der Vertreter der turkischen Völkerschaft der Kumyken Murad Adschi (Murad Adschijew) radikalere nationale Positionen. In seinen Schriften zur Turkologie "Wermut der Steppe der Kyptschaken" und "Europa, Turkvölker, die Große Steppe", die in der zweiten Hälfte der 90er Jahre veröffentlicht wurden, vertrat er die These, daß die slawischen Völker nur ein Zweig der Turkvölker seien.

 

In den zentralasiatischen Republiken gründete sich keine mächtige nationaldemokratische Bewegung. Dies ist darauf zurückzuführen, daß sich die damaligen und heutigen Präsidenten dieser Republiken mit den Vertretern der Intelligenz, darunter mit Aitmatow und Suleimenow, haben verständigen können. Aitmatow ist seit vielen Jahren Botschafter Kyrgysstans in den Beneluxstaaten, und Suleimenow ist Botschafter Kasachstans in Italien.

 

Allein ihr usbekischer Kollege Mamadali Machmudow ließ sich nicht von Präsident Karimow einbinden. Unter dem Pseudonym Ewril Turan bezog Machmudow in seinen turkisch-nationalistischen Haltungen eine noch radikalere Position und verbündete sich mit der islamistischen Partei "Erk". Deren Vorsitzender Salik wurde von den Behörden verfolgt, er erhielt 1998 politisches Asyl in der Türkei, was übrigens beinahe zum Abbruch der diplomatischen Beziehungen zwischen beiden Ländern führte. Für die Terrorakte in Taschkent im Februar 1999 machten die Behörden gerade "Erk" verantwortlich. Da Machmudow als Anhänger der Partei galt, wurde er verhaftet und zu vier­zehn Jahren Gefängnis verurteilt.

 

In Turkmenistan gab es lan­ge Zeit weder eine panturkische noch sonst irgendeine Bewegung. Erst im Jahre 2001 organisierte der ehemalige Au­ßenminister Boris Schichmuradow eine Oppositionsbewegung und trat gegen Präsident Nijasow auf. Auch er wurde verhaftet.

 

Der Einfluß der Türkei auf Zentralasien schwächte sich bereits Mitte der 90er ab und scheint heute nur noch gering. Ein wenig anders stellt sich dies in Aserbaidschan dar. In Aserbaidschan setzt man weiterhin auf die Türkei, darauf, daß man mit türkischer Hilfe aus der Wirtschaftskrise her­auskommen könne und Nagorny Karabach zurückerobern würde. Aber je mehr Zeit ver­streicht, desto klarer wird, daß reale Hilfe von der Türkei nicht zu erwarten ist. Worauf die Politik der Türkei in Aserbai­dschan zielt und welche Interessen sie verfolgt, weiß Gott allein. Natürlich, bis heute hat die Türkei die Blockade gegen­über Armenien nicht aufgehoben, als unterstütze sie die Po­sition Aserbaidschans im Karabachkonflikt. Allerdings es scheint, als tue sie dies nicht freiwillig. Bei jedem Versuch, von dieser Position abzuweichen, drohte Baku, das Projekt Baku- Tbilissi-Ceyhan zu verei­teln und die politischen und wirtschaftlichen Interessen der Türkei in der Region zu ignorieren. Ungeachtet der scheinbaren Nähe sind die Beziehun­gen zwischen den "blutsver­wandten Brüdern" in der Tat nicht ehrlich und aufrichtig. Die Türkei versucht, Aserbaidschan ihren Willen aufzu­zwingen und wichtige Bran­chen der Wirtschaft unter ihre zu Kontrolle bringen. Aber so­lange der Alijew-Klan, der den Reichtum des Landes kaum mit jemandem teilen will, an der Macht ist. sind die Chancen der Türkei gering. Die Türkei igno­riert vollständig die aserbai­dschanische Sprache, die alte Geschichte und Kultur des Landes. Es lohne sich nicht, über aserbaidschanische Kultur und Geschichte zu sprechen, da die­se nie existiert haben. Traurig ist. daß die Positionen der Ar­menier und der Türken in dieser Frage übereinstimmen. Weder unsere "Freunde" noch unsere "Feinde" erkennen unsere jahrhundertealte Geschichte und Kultur an. Die aserbaidschanische Sprache verändert sich ständig, immer häufiger sind türkische Entlehnungen zu verzeichnen. Aber die letzten Jahre des gemeinsamen Umgangs haben gezeigt, daß Aserbaidschaner und Türken zwei Völker sind, mit ganz unterschied­lichen Geschichten und Kultu­ren sowie unterschiedlichen Mentalitäten. Schade ist, daß die "Turken", zu denen Dutzende Völker gehören, und die "Türken" als das Volk der Türkei sowie die "turkische Sprache", die viele Völker sprechen, und die "türkische Sprache" als die offizielle Sprache der Türkei in der türkischen, der aserbaidschanischen und vielen anderen Turksprachen gleich lauten und bezeichnet werden. All dies führt zu so einem Gemisch, als seien die Aserbaidschaner die gleichen "Türken" wie die Bewohner der Türkei.

 

Angemerkt sei noch, daß die aserbaidschanische Sprache der Oghusen-Kyptschaken­ Untergruppe der Oghusen-Gruppe der turkischen Sprachfamilie zugeordnet wird, in der sich unter anderem die turkmenische, die türkische und die gagausische Sprache finden - jedoch jede von ihnen als selbständige Sprache mit ihrer eigenen Entwicklungsgeschichte.

 

In den turksprachigen Ländern Zentralasiens, in denen der Islam nicht entwurzelt wurde, fanden die Ideen des Panturkismus keinen guten Nährboden und wurden von der Bevölkerung nicht unterstützt. In ganz Zentralasien aktivierte sich das religiöse moslemische Leben, die traditionellen mystisch-religiösen Schulen der arabischen Länder, aus Afghanistan, Iran und Pakistan sowie moslemische Sekten entfalten ihre Tätigkeit. In Aser­baidschan ist alles umgekehrt: hier wurde der Islam fast völlig entwurzelt, und die Religion hat beinahe keine Chance, wieder die Oberhand zu gewinnen, obwohl Versuche unternommen werden, die religiösen Traditionen zum Leben zu erwecken. Dafür erwies sich hier der Boden für panturkische Ideen als günstig, die von den "Grauen Wölfen" und de­ren Abzweig "Ülkücü" verbreitet wurden. Auch ursprünglich demokratisch orientierte Parteien wie die Partei der Volksfront und "Mussawat" stehen heute unter dem Einfluß der modernen panturkischen Bewegung in der Türkei. "Mussawat" beispielsweise orientiert sich in seiner Politik an den Interessen dieser Bewegungen und wirft der Regierung der Türkei mangelnden Turkismus vor. Kurz gesagt: in Aserbaidschan, vor allem im Oppositionslager und unter Jugendlichen, werden auch heute die Ideen des Panturkismus als einziger Weg zur nationalen Rettung und zum Aufblühen der Republik propagiert.

 

Die heutigen Panturkisten sprechen von der Notwendigkeit der Vereinigung nicht nur der turkisch-moslemischen Völker. Sie wollen alle historisch turkischen Völker einbinden. Dazu zählen auch die christlichen Turkvölker - darunter Ungarn, Bulgaren, Gagausen, zum Teil die Jakuten und Tataren -, die ihrer alten Religion ­ dem Schamanismus - treuen Völker Sibiriens sowie die in der Volksrepublik China lebenden Uiguren. In der Autonomen Provinz der Uiguren erstarkte ebenfalls eine nationale Freiheitsbewegung. Viele Uiguren träumen davon, sich von China zu lösen und die Unabhängigkeit zu erlangen. Wir können konstatieren, daß die Karte von Turan viel umfangreicher ist, als sie Anfang des 20. Jahrhunderts war.

 

Allmählich aber wird klar, dass die Türkei nur ihre eigenen Ziele und Interessen verfolgt. Man war in der Türkei in der Tat erstaunt, ja sogar beleidigt, als Aserbaidschan es wagte, eigene Erdölverträge mit ausländischen Firmen zu schließen. Wäre es nicht logischer, alles der Türkei zu überlassen, damit diese entscheide, wer wieviel an unserem Öl partizipiert? Die Türkei würde eine solche Politik auch in Zentralasien gerne betreiben. Sie hofft, über die Naturressourcen dieser Länder verfügen und in allen Fragen die Rolle des Vermittlers zum Westen spielen zu können. Keine Frage, daß die Türkei an der Entwicklung dieser Länder wenig interessiert ist und davon träumt, sie zu ihren Provinzen zu machen. Mit einem Wort, Ankara möchte Moskau ersetzen, zur neuen Hauptstadt für diese Staaten werden.

 

Rußland hat auf seinem Territorium einige Probleme mit nationalen Minderheiten, und die sind nicht klein. In der Föderation gibt es sehr viele turk- und mongolischsprachige Völker sowie andere Völker und Völkerschaften. In letzter Zeit ist in Rußland immer öfter zu hören, daß die Probleme mit den nationalen Minderhei­ten nur ein Erbe der Sowjetzeit seien - man hätte ihnen nicht so viel Autonomie schenken dürfen. Nun versucht man, die politischen Rechte der Auto­nomien offiziell und inoffiziell zu reduzieren. Ludmilla Iwaschtschenko, Ethnologin und Chefredakteurin des Sabaschnikow-Verlags in Moskau, vertritt die Meinung, daß die Existenz der Autonomien an sich heute ein Problem zwischen den Russen und den nationalen Minderheiten schafft, denn schließlich habe es vor der Sowjetmacht ein einziges einheitliches Rußland gegeben. Was die politische Zusammen­arbeit der turksprachigen autonomen Republiken mit der Türkei betrifft, so hält sie eine solche unter Umgehung der Föderation für nicht realisierbar. Panturkische Ideen konnten sich ihrer Meinung nach nur verbreiten, weil die Wirtschaft stotterte, springt der Motor erst wieder an und beginnt die Wirtschaft zu brummen, lösen sich die zwischen­ethnischen Probleme ganz von selbst.

 

Manchmal betrachten die russischen Nationalisten Panturkismus als Gefahr für die slawischen Werte, als antislawische Doktrin. So schrieb Nikolai Lyssenko, Funktionär der nationalistisch-republikanischen Partei, in seinem Beitrag "Das Große Turan - neuer Anspruch auf die Weltherrschaft" (in: "Armenische Nachrichten" 9/1993), daß " ... sich die Russische Föderation von sämtlichen Seiten, das Wolgagebiet, den Kaukasus und den Ural eingeschlossen, im Umfeld von Turkrepubliken befindet, in denen die Positionen des Panturkismus vertretende Parteien wie Pilze nach dem Regen aus dem Boden schießen". Auf Initiative der Lyssenko-Partei und ihr nahestehender Bewegungen wurde 1994 in Moskau eine internationale wissenschaftliche Konferenz zum Thema "Panturkismus und die nationale Sicherheit Rußlands" durchgeführt. Zu den Teilnehmern gehörten Vertreter der nationalistischen Kräfte Rußlands, Griechenlands, Serbiens, den Armeniens und Bulgariens. Be­raten wurde ein gemeinsames Vorgehen gegen panturkische Bewegungen. Die Teilnehmer beschlossen sogar ein eigenes Emblem: der Heilige Georg kämpft - durch das christlich­orthodoxe Kreuz geschützt ­nicht gegen den Drachen, sondern tötet einen bösen grauen Wolf-Symbol des Turkismus.

 

In Rußland werden in letzter Zeit eurasische Ideen zum Leben erweckt, besonders populär sind die Ideen Lew Gumiljows, des Sohnes der Dichterin Anna Achmatowa und Nikolai Gumiljows. Die neuen Eurasier betrachten den slawisch-turkischen Bund als Erlösung für Rußland und die Länder des nahen Auslands. Die russischen Eurasier wollen allerdings keinen Bund mit der Türkei. Ihrer Meinung nach ist der slawisch-turkische Bund der einzige Weg, um dem ver­nichtenden Einfluß des Westens, insbesondere der Amerikanisierung, standzuhalten und den religiösen islamischen Fanatismus abzuwehren. Zudem sind sie überzeugt, daß die Gründung eines neuen eurasischen Staates nicht nur die politischen und wirtschaftlichen Kräfte der russischen und der Turkvölker vereinigen hilft, sondern auch die Orthodoxie mit dem Islam versöhnt.

 

Dr. Dschalal Mamadow, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Akademie der Wissenschaften, Baku, Vougar Aslanow, Journalist, Bad Eppenheim

 

Zeitschrift "Wostok", 2/2004