Zur Ökologie des Kaspischen Meeres 

 Nikolai Dubowitzki, Vugar Aslanow

 

Das Ökosystem des Kaspischen Meeres und der angrenzenden Region ist hochgradig gefährdet. Maßgeblich für die Umweltverschmutzungen ist die Erdölförderung, maßgeblich für die Bedrohung der Fischpopulation ist die Wilderei. Die Anrainerstaaten schenken bislang den Umweltproblemen wenig Aufmerksamkeit. Wird also das Kaspische Meer das glei­che Schicksal erleiden wie der Aralsee?

 

Der ökologische Zustand des Kaspischen Meeres ist gegenwärtig nicht weniger alarmierend als der des Baikalsees, des  Balchasch­sees oder anderer großer Bin­nengewässer auf dem Territo­rium der ehemaligen Sowjet­union. Nur sprechen Umwelt­experten der Kaspi-Anrainer­staaten und Vertreter interna­tionaler Umweltorganisatio­nen das Problem seltener an. Das Kaspische Meer birgt an seinen Küsten und im Meeres­boden immense Erdölvorkom­men. Gefördert werden diese seit 150 Jahren, und in den letzten zehn Jahren sehr in­tensiv. Hier werden gegenwär­tig gigantische Wirtschaftspro­jekte verwirklicht, und an die ökologischen Schäden und die vom Aussterben bedrohte Fau­na wird dabei zuletzt gedacht.

 

Mitte des 19. Jahrhunderts, als man mit der Ausbeutung der kaspischen Erdölvorkom­men begann, kümmerte sich niemand um den Schutz des Meeres. Damals wurde Erdöl nur On-Shore in der Umge­bung von Baku und mit den primitivsten Technologien und Verfahren der Eruptionsförde­rung gewonnen. Dabei ging viel Erdöl verloren, ganze Bo­denabschnitte wurden geschä­digt. Die "Genossenschaft der Gebrüder Nobel" verzichtete bereits Anfang des 20. Jahr­hunderts größtenteils auf die Eruptionsförderung und beute­te die Vorkommen mit verbes­serten Verfahren aus. Auch die Sowjetmacht war zunächst um alternative Fördertechniken be­müht. Doch als man begann, das Öl des Kaspischen Schelfs zu fördern, griff man weitge­hend wieder auf das alte Ver­fahren zurück. Bereits im Jah­re 1925 wurde in der Bucht von Baku das erste Erdölbohrloch eingelassen, womit die in­dustrielle Erdölförderung vom Meeresgrund eingeleitet wur­de. Ein Wendepunkt in der Off­-Shore-Erdölförderung vollzog sich in den Jahren 1948 und 1949, als aus 42 Kilometer tie­fen Bohrungen das frühe Erdöl sprudelte. Es war die Geburts­stunde der legendären Stadt "Neftjanyje Kamni" ("Erdölstei­ne"). Hier kam die Eruptions­förderung wieder verstärkt zum Einsatz. Die Motive sind leicht zu durchschauen, wenn man sich nur folgende Zahlen vor Augen führt: Ohne Fontä­ne können aus einem Bohr­loch im Schnitt fünf bis sechs Tonnen Erdöl gefördert wer­den, mit Fontäne aber sind es bis zu 2000 Tonnen (trotz aller Verluste). Ende der 60er Jahre war die Förderbrücke von Neft­janyje Kamni bereits 200 Kilo­meter lang. Insgesamt wurden 1940 Bohrlöcher gebohrt und 160 Millionen Tonnen Erdöl gewonnen. Heute kommt das "Schwarze Gold" noch aus rund 400 Bohrlöchern.

 

Noch vor dem Großen Va­terländischen Krieg wurden an dem ins Kaspische Meer mün­denden Fluß Emba Bohrlöcher niedergelassen. In der Nach­kriegszeit ging die Suche nach Erdöl- und Erdgasvorräten in der kaspischen Region ver­stärkt weiter. Reiche Erdölvor­kommen entdeckte man an der Ostküste des Meeres in den Wüstenregionen auf kasach­stanischem Territorium, an der Westküste auf dem Territori­um Kalmykiens und in Tsche­tschenien. Mit der Zeit wurde ein engmaschiges Pipelinenetz geschaffen, denn die neuen Industrien hatten einen hohen Bedarf an Erdöl und Ölproduk­ten. In der Sowjetzeit wurde zwar viel über Umweltschutz geredet, in der Praxis aber we­nig getan, um das Ökosystem im Falle einer Havarie an einer Bohrstation oder bei einem Leitungsleck zu schützen. Oh­ne Rücksicht auf die Umwelt und die Menschen wurden im­mer neue Erdöl- und Erdgas­vorkommen erkundet und ausgebeutet. Die Mißachtung elementarer Sicherheitsvor­kehrungen führte zu einer Rei­he schrecklicher Unfälle.

 

In der tiefen Steppe auf dem Gebiet der Kasachischen SSR schoß bei Bohrarbeiten plötzlich eine ÖI- und Gas­fontäne empor. Der Bohrturm flog zusammen mit den Arbei­tern in die Luft, und die mäch­tige Fontäne entzündete sich. Die Feuersäule loderte mehr als hundert Meter hoch. Von Hubschraubern aus wurden Sandsäcke abgeworfen, um das Feuer zu löschen. Aber diese Methode zeitigte natür­lich keinen Erfolg. Der Lärm der gigantischen Fontäne war Dutzende Kilometer weit zu hören. In den Flammen ver­brannten Schwärme von Zug­vögeln, und im Umkreis von einigen Kilometern blieb nur verbrannte Erde zurück. Erst vier Jahre nach dem schreckli­chen Unglück gelang es mit Hilfe ausländischer Fachleute, das Feuer zu löschen. Zu solchen Unfällen kann es in der kaspischen Region auch heute jederzeit kommen. Man stelle sich vor, ein Bohrloch explodiert und lodert vier Jah­re über dem Kaspischen Meer. Sind die Erdölunternehmen heute darauf vorbereitet?

 

Bis zum Zerfall der UdSSR gab es nur zwei Anrainerstaa­ten des Kaspischen Meeres. Die Sowjetunion und der Iran waren Eigentümer der reichen Erdölvorkommen. Mit dem Zerfall der UdSSR ging die ÖI­region aus den Händen der Sowjetmacht gleich an meh­rere Erben - Kasachstan, Aser­baidschan, Turkmenistan und Rußland. Der Iran behielt sei­nen ursprünglichen Teil.

 

Als der Begründer des Ar­beiter- und Bauernstaates Wladimir Lenin die UdSSR schuf, teilte er das Territo-rium des Zarenreiches nach dem nationalen Prinzip auf. In die­sem Konglomerat aus Zusam­menschluß, Teilung und Dikta­tur tickte von Anfang an eine Zeitbombe, die dem Kernland Rußland letztlich vieles nahm, als sich die Sowjetunion Ende 1991 auflöste. Mit der Unab­hängigkeit der Unionsrepubli­ken gingen auch die gewalti­gen Naturressourcen in deren Besitz über. Damit aber nicht genug. Irgendwann können für Rußland auch die heutigen Autonomien auf dem eigenen Territorium zum Problem wer­den, denn die Republiken ha­ben nach dem Gesetz über die Anpassung der Rechte der Au­tonomien an die Republiken ebenfalls das Recht auf Unab­hängigkeit. Dies betrifft auch die am Kaspischen Meer gele­genen Republiken Kalmykien und Dagestan.

 

Die Republik Kalmykien be­steht aus zwei Rayons. Der Ju­stinsker Rayon grenzt an das Wolgadelta an, der Wagansker Rayon reicht an das Kaspische Meer heran. Da es in Kalmyki­en keine Industrie gibt und die Arbeitslosigkeit sehr hoch ist, sind die Menschen zur Wilderei geradezu gezwungen. Sie fangen illegal Störe, um des­sen Kaviar, die beliebte und teure Delikatesse, illegal zu verkaufen. Die Fischwilderei auszumerzen, deren Wurzeln bis in die tiefste Vergangen­heit reichen, ist ein Ding der Unmöglichkeit. In Kalmykien zieht zudem die "Kaviar-Mafia" mit den staatlichen Struk­turen an einem Strang. Die Landwirtschaftsproduktion ­Kalmykien war zu Sowjetzei­ten vor allem für sein Kumys (gegorene Stutenmilch) und sein Pferdefleisch berühmt ­liegt am Boden, und die Fach­leute wechselten zur Kaviar ­Mafia.

 

Auch die Republik Dage­stan grenzt an das Kaspische Meer. In ihren Küstenorten ging man seit uralten Zeiten dem Fischfang nach. Fischerei und Kaviarproduktion waren bis vor kurzem eine Arbeit wie jede andere und sicherten ein normales Leben. Die Fisch­wirtschaft fügte den Fischpo­pulationen im Kaspischen Meer keinen Schaden zu, da stets genügend Jungfische in be­sonderen Fischfarmen aufge­zogen wurden. So war es bis zum Zerfall der UdSSR. Plötz­lich aber konnte man mit Ka­viar schnell viel Geld verdie­nen. Vergessen waren Wein-, Tabak-, Safran- und Baumwollanbau, die ebenfalls zu den traditionellen Wirtschaftszwei­gen gehörten, vergessen auch die Schafzucht und die Pro­duktion hochwertiger Wolle für den Export. 

 

Noch vor kurzem investier­te Rußland Hunderte Millio­nen Rubel in die Reproduktion des Störbestandes. Aber das ist Schnee von gestern. Die Erdöl­ - und Stördollars vernebelten allen den Kopf. Die Weinbau­ern, die Baumwoll-, Schaf­und Pferdezüchter hängten ihre Berufe an den Nagel und verdienen nun mit abgezapf­tem Erdöl und gewildertem Kaviar Dollar um Dollar.

 

Kam das Erdöl einst dem Sowjetstaat zugute, so geht es heute ohne Rücksicht auf die Bedürfnisse der eigenen Be­völkerung ins Ausland, wobei sich alle darauf spezialisierten, die nationalen Vorräte auszu­beuten und sie aus Gier und Gewinnsucht gegen Dollar einzutauschen. Was einst von den sowjetischen Tribünen als kapitalistischer Ungeist ver­teufelt wurde, ist jetzt zur Norm und zum Lebensinhalt geworden, auch für die ehe­maligen Kommunisten, die von heute auf morgen ihren hehren Ideen und Program­men ade sagten.

 

Wie mit dem Erdöl umge­gangen wird, so wird auch mit den Fischbeständen umge­gangen. Früher ernährte das Kaspische Meer die Menschen und schenkte ihnen Wohl­stand. Die Fischer sorgten im­mer für Nachkommenschaft, und gefischt wurde nur in sol­chen Mengen, daß der Be­stand gesichert blieb. Nie­mand wäre auf den Gedanken gekommen, einen Stör zu fi­schen, ihm den Bauch aufzu­schlitzen, den Kaviar heraus­zunehmen und den verletzten Fisch wieder ins Meer zu wer­fen.

 

Die russischen Medien be­richteten unlängst von der Be­schlagnahmung von vierzehn Eisenbahnwaggons - voll mit Stör, der auf dem Weg von den kaspischen Wilderern zum Moskauer Bahnhof "Moskwa­Towarnaja" verdarb. Nur weil es so bestialisch stank, wurde die Ladung entdeckt. Wie viele Fi­sche mußten getötet werden, um vierzehn Dreißig-Tonnen­Waggons zu füllen? Und wie viele Störe werden täglich, mo­natlich, jährlich und im Laufe vieler Jahre illegal gefischt, ver­letzt zurück ins Meer gewor­fen oder verderben unterwegs zum Zielort?

 

Die Erben der Sowjetunion haben die Küstenlinie und den Meeresgrund, der unwahr­scheinliche Erdölvorräte birgt, aufgeteilt. Das Märchen vom "neuen Kuwait" am Kaspischen Meer verbreitete sich blitzar­tig in aller Welt und lockte so manchen Glücksritter. Jeder will ein großes Stück vom Öl­kuchen abhaben, und dabei möglichst der erste sein. Und möglichst will er nicht nur ein Stück, sondern auch das eines anderen. Bei der Ausbeutung der riesigen Erdölvorkommen

geht es nicht um besser, weiter und höher, sondern vor allem um tiefer.

 

Die Erdölleitungen sollen vor allen erdenklichen Terror­anschlägen geschützt werden. Alle Anrainerstaaten des Kaspischen Meeres haben mi­litärisch aufgerüstet. Denn es gilt nicht nur das Land, son­dern auch das Meer zu bewa­chen und zu verteidigen. Alle Anrainerstaaten legten sich eine mehr oder weniger große Kriegsflotte zu, und die Zahl der Schiffe wächst weiter.

 

In unmittelbarer Nähe des Kaspischen Meeres wurde vor aller Augen der Aralsee zerstört - es dauerte nicht einmal eine Generation. Auch hier be­gann alles mit guten Absich­ten. Die Flüsse Amu-Darja und Syr-Darja absperren, sie in das alte ausgetrocknete Bett des Usboi lenken, neue Landwirt­schaftsflächen bewässern, Rie­senernten einfahren. Damals schoben wir die schrecklichen Folgen auf die Kommando­wirtschaft. Aber wer kom­mandiert uns jetzt, in einer Si­tuation, in der das Kaspische Meer bedroht ist? Wem wollen wir heute die Schuld daran ge­ben, wenn das Kaspische Meer verschwindet oder zu einer schmutzigen Kloake wird? Wie schnell es zu kritischen Um­weltverschmutzungen kom­men kann, haben wir entlang der Erdölleitungen in Sibirien gesehen. Vielleicht sollte man alle Beteiligten an diesem Ex­periment - ob aus dem Inland oder dem Ausland - daran er­innern, daß das gesamte kas­pische Erdölgebiet in einer erd­bebengefährdeten Region liegt. Es ist doch bekannt, daß im Kaukasus und den angrenzen­den Regionen häufiger Erdbeben stattfinden als es Tage im Jahr gibt. Die meisten werden allerdings nur von den Seis­mographen registriert, nur ei­nige bleiben den Menschen lange in Erinnerung - wie das in Armenien im Jahre 1988.

 

In der ehemaligen Sowjet­union wußte bis zur Katastro­phe von Tschernobyl angeb­lich niemand etwas von radio­aktiver Strahlung. Auch heute wird wenig darüber gespro­chen, daß die Erdölförderung nicht ohne radioaktive Ver­schmutzung des angrenzen­den Territoriums funktioniert. Kasachstanische Experten stie­ßen auf neue Probleme durch radioaktive Verseuchung vor allem in Westkasachstan. In der Nähe der 22 größten ÖI­vorkommen wurden 267 ra­dioaktiv verseuchte Abschnit­te gefunden. Rund 100000 Menschen sind davon betrof­fen.

 

Auch die Verschmutzung des Kaspischen Meeres durch Erdölabfälle hat ein ungeahn­tes Ausmaß erreicht. Es ent­standen die sogenannten Erd­ölfelder des Kaspischen Mee­res. Große Teile der Region, in der Erdöl gefördert wurde, sind auf Jahrzehnte mit Erdöl verseucht. Im Jahre 1987 stieg der Meeresspiegel schnell und plötzlich an, ein Teil der erdöl­durchtränkten Böden und Bohrlöcher entlang der Küste versank im Wasser. Seit 1996 sinkt der Meeresspiegel wie­der. Im Ergebnis stieg der Ver­schmutzungsgrad des Meeres durch Erdöl- und Industrieab­fälle jäh an. Nach wie vor kommt es, wie auf jeder Kaspi­konferenz betont wurde, zur Einleitung von Stickstoff und Pestizide enthaltenden Indu­strie- und Haushaltsabwäs­sern. Fachleute verweisen auf das rasant wachsende Fisch­sterben aufgrund der Ver­schmutzungen. Betroffen sind auch ganze Vogelpopulatio­nen, die durch den unzulässig hohen Toxingehalt - er über­schreitet den Grenzwert um das 700- bis 1 200fache - dezi­miert werden. Nach Berech­nungen kasachstanischer Ex­perten werden der Fisch- und der Vogelbestand um ein Vier­tel zurückgehen, wenn nicht sofort greifende Maßnahmen ergriffen werden. Kaviar gilt als Delikatesse. Zur Sowjetzeit unterlag die Kaviarproduktion staatlicher Kontrolle. Heute wird Stör in solchem Ausmaß gewildert, daß der Bestand gefährdet ist.

 

Andere Experten warnen, daß die fortwährenden Boh­rungen die Erdkruste schädi­gen. Eine weitere Ursache der Umweltverschmutzung sind Schiffshavarien, bei denen Erdöl aufgrund durchgeroste­ten Metalls, schlechter Mate­rialqualität oder durch me­chanische Einwirkung austritt. Zur weiteren Verschmutzung tragen die ins Kaspische Meer einmündenden Flüsse Wolga, Emba, Ural und Kura bei, die alle katastrophal schadstoff­belastet sind.

 

Die Anrainerstaaten haben das Kaspische Meer nach lan­gen Streitereien unter sich aufgeteilt, auch wenn der Iran noch eine unerbittliche Hal­tung vertritt und die Position Turkmenistans nicht ganz ein­deutig ist. Angesichts der alar­mierenden Situation um das Kaspische Meer herum wäre es jedoch zwingend notwendig, daß sich die Anrainerländer der drohenden Umweltkata­strophe gemeinsam entge­genstellten.

 

Vor acht Jahren wurden Förderverträge mit vorwie­gend amerikanischen und bri­tischen Konzernen geschlos­sen. Zwar eröffneten diese Fi­lialen von Umweltorganisatio­nen, doch viel hat sich trotz­dem nicht getan. Die Sowjet­macht kritisierte die Kapitali­sten wegen ihrer Profitgier und der Mißachtung der Fol­gen des Raubbaus an der Na­tur. Die Kapitalisten kritisieren heute die Sowjetmacht dafür, daß sie wenig zur Verhinde­rung ökologischer Probleme getan hat, sie zum Teil einfach ignorierte. Die von den Kom­munisten geerbten Probleme sind offensichtlich, aber der Rummel um die Erdölförde­rung aus dem Kaspischen Meer verdrängt die Sorge um dessen ökologischen Zustand bis jetzt vollkommen.

 

Zeitschrift "Wostok", 3/2005